Die Zukunft des WWW

29.10.07

 
Permalink 11:09:25, Kategorien: Irgendwo im www, dropfblog selbstzweck  

Die Zukunft des WWW

Das Web hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark verändert, von einem Netz der Dokumente zu einem Netz der Applikationen. Viele Webseiten bieten mehr Funktion als Information, und die meisten im Web verwendeten Technologien sind diesem Trend gefolgt. Nur die eigentlichen Kerntechnologien des WWW, HTTP und HTML haben sich kaum verändert und sind in ihrer Funktionalität nach wie vor auf Dokumente ausgelegt.

Dabei sind HTTP und HTML eigentlich bemerkenswert schlechte Technologien um damit Applikationen zu entwickeln. HTML (in all seinen Erscheinungsformen) gibt dem Webprogrammierer nur sehr primitive Werkzeuge zur Hand, welche sich seit HTML 2 auch nur marginal verändert haben. Eines der wichtigsten Instrumente des Webprogrammierers, die Formulare, hat sich im laufe der Zeit und seines (miss|ge) brauchs nicht weiterentwickelt und ist den Anforderungen aktueller, vergangener und erst recht zukünftiger Anwendungen nicht gewachsen. HTML Formulare bieten kaum Möglichkeiten die eingegebenen Daten zu einzuschränken, oder gar zu Validieren. Für komplexere Datentypen welche aber sehr häufig benötigt werden, Datums- und Zeitangaben zum Bespiel gibt es keine für den Benutzer intuitive Eingabemöglichkeit. All diese Funktionen muss der Webprogrammierer mühevoll und fehlerträchtig von Hand implementieren, meist wenig Benutzerfreundlich und portabel (mit Javascript, Ajax, Flash, oder IE-Spezifischen Techniken), keinesfalls jedoch beides.

Eine Definitive Lösung dieser Problematik ist nicht in Sicht, doch es gibt zwei auf unterschiedliche Weise hoffnungsvolle Lösungsansätze, die wie zu Erwarten, diametral zueinander stehen: XHTML2 und X-Forms des W3C und verschiedenen Projekte der WHAT-WG.

Mit XHTML2 und den X-Forms will das W3C in der von ihm gewohnten Idealistischen Philosophie welcher es irgendwie chronisch an Realitätsbezug mangelt, aufräumen. Der XHTML Nachfolger XHTML2 will durch strikte Modularisierung das verwirrend chaotische Erbe von HTML aufräumen. In krassem Gegensatz zur bisherigen Geschichte von HTML ist XHTML2 nicht abwärtskompatibel, was einerseits zwingend notwendig ist um nicht abermals vergangene Fehler zu Wiederholen, andererseits seine Chancen schmälert in absehbaren Zeitrahmen von Browserherstellern und Webprogrammirern akzeptiert zu werden. Als radikale Konsequenz der Modularisierung sind die Formulare komplett aus der Spezifikation geflogen. Da ein HTML (egal ob mit oder ohne X davor) ohne Formulare heutzutage absolut nutzlos wäre holt sich XHTML2 Hilfe bei den X-Forms. X-Forms ist eine XML basierte Beschreibungssprache welche sich ausschließlich der Deklaration von Formularen widmet. Obwohl die Funktion von X-Forms damit sehr klar eingegrenzt wird, ist die Spezifikation von X-Forms extrem komplex, und es ist unwahrscheinlich dass sie flächendeckend Implementiert und Angewendet wird.

Die "Web Hypertext Application Technology Working Group", die WHAT-WG, ist eine sehr offen konzipierte Arbeitsgruppe die sich mit weitaus pragmatischeren Lösungsansätzen beschäftigt als das auf der Akademischen Reinheit festgefahrenem W3C. Anders als das W3C hat die WHAT-WG XML nicht zum Universalheilmittel erklärt, und versucht altbewährte Techniken, auf evolutionäre Art und Weise dem Zeitgeist gemäß zu ergänzen. Einer der signifikanten Vorschläge der WHAT-WG ist Web-Forms 2.0 (igitt, ich hasse die Versionsnummer) dessen Kernkonzept dem der in HTML vorhandenen Formulare sehr ähnlich ist. Für häufig verwendete Einsatzzwecke wurden Datentypen definiert. Der Inhalt von Formularelementen lässt sich auf URIs, E-Mail-Adressen, Zahlen, Zeit- oder Datumsangaben beschränken, um Fehleingaben frühzeitig zu verhindern, beziehungsweise den Benutzer darauf aufmerksam zu machen. Selbstverständlich können clientseitige Checks keine Überprüfung durch die Applikationslogik, die sich natürlich weiterhin auf dem Server ausgeführt wird, ersetzen. Sie können aber die Benutzerfreundlichkeit erhöhen ohne auf eventuell nicht verfügbare Techniken wie etwa Javascript zurückgreifen zu müssen. Neben in der Klassischen GUI Programmierung verwendeten Eingabeelementen wie Kombinierte Eingabe/Auswahlfelder (wie sie viele Ajax basierende Webapplikationen mit viel Javascript emulieren), Schiebereglern, und Eingabefelder für Datums- und Zeitformate führt Web-Forms 2.0 eine nahezu Spektakuläre, jedoch enorm praktische Neuerung ein: Eingabeelemente müssen nicht innerhalb eines <form> Tags stehen sondern können sich via form= Attribute auf ein externes Formular beziehen. Dies kommt der gängigen Praxis entgegen in der aufgrund weit verteilter Formularelemente teilweise ganze Seiten von einem <form> umschlossen werden.

Das Fehlen vernünftiger Grundlagen hat bisher niemanden davon abgehalten Webanwendungen zu schreiben und grossflächig einzusetzen, sämtliche existenten Webanwendungen sind der lebende Beweis. Mit den derzeit verfügbaren Mitteln ist der Qualität der Webanwendungen besonders hinsichtlich ihres Bedienkomforts eine Grenze gesetzt, welche Programmierer mit immer neuen, kreativen Methoden zu umgehen versuchen. Das momentan sehr beliebte Technologiepaket AJAX (hmm ich hab hier ne Flasche AJAX rumstehen, AJAX Glasreiniger) beispielsweise, eröffnet ganz neue Anwendungsbereiche für Webapplikationen, ist aber nur sehr Beschränkt portabel, und alles andere als Barrierefrei (welcher Screenreader Versteht schon Javascript). Doch AJAX ist hervorragendes Beispiel für die Kreativität der Webprogrammierer, welche ihre Programme allen Widrigkeiten zum Trotz, immer irgendwie hinbekommen, denn wenn der Standard nicht hilft und keine passende Funktionalität bietet wird eben Improvisiert.

Ein kleines bisschen von dieser Mac-Gyver Mentalität würde dem mittlerweile etwas festgefahrenen W3C gut stehen. Denn während das W3C, als eine der wenigen allgemein anerkannten Autoritäten auf dem Gebiet, weiterhin bevorzugt Luftschlösser auf Grundlage seines Wunderkindes XML baut, könnten weit weniger radikale Lösungen, die nicht alle Brücken hinter sich abreissen durchaus von der Unterstützung des W3C profitieren.

Die Zukunft des Web steht noch in den Sternen doch bis auf ein paar W3C affine Idealisten glaubt kaum einer daran dass sie XHTML2 heissen wird.

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